Nostalgischer Vorabend

Mit den Hühnern ins Bett und mit der Sonne wieder auf“ Nur noch ein paar Stunden bis zum morgigen Start um 6 uhr früh. Es wird heiß, so viel steht mal fix fest. Und sonst, haben unsere Fahrer alles beherzigt was es zu beherzigen gibt?

Werfen wir doch noch mal einen Blick in eine schlaue Tourenfahrer-Fibel  von anno dazumal:

Mit dem Fahren allein ist es noch lange nicht abgethan; der Tourenfahrer muss wissen wohin er fährt, welche Wege er benützt, welche Schwierigkeiten er zu besiegen hat, wann und wie lange er rasten soll und wie er sich und sein Rad stets in Ordnung hält. Das sind lauter selbstverständliche Dinge, und doch kann man dem Tourenfahrer nicht oft genug einschärfen, auf alles dieses streng zu achten und nicht früher eine Tour anzutreten, bis er nicht den ganzen Plan klar und deutlich im Kopfe hat. Er darf sich nicht darauf verlassen, erst unterwegs alles zu erfahren oder anzuschaffen, was er braucht, sondern muss fix und fertig mit seinem Rade beim Thor hinaus, wenn er eine genussreiche und ungestörte Tour absolvieren will. Dass das Tourenfahren in Gesellschaft ungleich anregender und erfreulicher ist, liegt auf der Hand, und man findet darum die Tourenfahrer zumeist in Gesellschaft, die aber nicht allzu gross sein darf. Zwei oder drei gute Collegen, die sich unterwegs mit Rath und That beistehen können, bilden die beste Touren-Reisegesellschaft, die frisch, frei und fröhlich in die Welt hinein radeln kann….(…)

Gut, diese Punkte wurden gewissenhaft beherzigt (siehe Blogeinträge zu Team, Strecke, …).  Wie schaut´s mit der Vorbereitung aus:

Ratschläge für die sportliche Tourenvorbereitung:

Zum Tourenfahrer taugt nur ein vollkommen gesunder, kräftiger Mensch, dessen Lunge frei und voll functionirt und der gegen Hitze, Kälte und Nässe gleichmässig abgehärtet ist. Die eleganten Corso-Radfahrer würden nach wenigen Meilen schon ein rech klägliches Aussehen haben und darum ist das Tourenfahren nur dem anzurathen, der die volle Energie besitzt, ohne Rücksicht auf kleinliche Bedenken Grosses zu leisten.

Der Tourenfahrer trainirt sich durch fleissiges Radfahren für seine Zwecke genügend viel, so dass ihm nur noch die Verpflichtung erwächst, durch vernünftige und geregelte Lebensweise seine Kräfte zu stärken und zu bewahren. Er vermeide jede Unmässigkeit im Essen und Trinken, härte sich durch Bäder, Schlafen bei offenem Fenster ect. Gegen alle Temperaturen ab und turne fleissig, um seine Glieder und Musekeln gelenkig zu erhalten. Ist er nunmehr für grössere Leistungen auf dem Rade befähigt, so beginne er seine stets wachsenden Vorübungen im Strassenfahren. Nehmen wir an, der Fahrer hätte eine Tour Wien-Berlin im Auge, die er auf Record zu abloviren gedenkt. Für diese ca. 580 km lange Strecke braucht er schon mindestens vier bis sechs Wochen gründlicher Vorbereitung; in der ersten Woche fahre man fleissig auf der Rennbahn, um sich ein Tempo auf guter Bahn anzugewöhnen. Hat man diese grundlegende Vorübung erledigt, so gehe man auf das Strassenfahren über, bei dem man mit kleinen Spritzfahrten beginnt. Man versuche sich in scharfen Fahrten über eine Stunde und controlire die in dieser Zeit zurückgelegte Distanz. Die übrige Zeit des Tages fahre man, ohne sich zu forcieren, längere oder kürzere Strecken. In der nächsten Woche sucht man seine erzielte Stundenleistung zu übertreffen und geht dann, wenn einem dies geglückt ist, daran, eine gute Zweistundenleistung zu erzielen. Jeder folgende Tag muss nun das Ergebniss des vorhergegangen übertreffen und eine Woche vor der Fahrt selbst, muss man eine ganztägige Uebung absolvieren, welche die beste Leistung zu ergeben hat. Man fahre z.B. von 4 Uhr Morgens (im Sommer sind die Morgenstunden der Tageshitze wegen vorzuziehen) bis Mittags, halte dann eine Rast von ein oder zwei Stunden und fahre dann von 1, respective 2 Uhr bis 6 oder 7 Uhr Abends auf der Strecke, die man für die Recordfahrt gewählt hat. Auf Grund der erzielten Kilometerzahl kann man dann die Zeit für die ganze Tour berechnen und darf wolgemuth seine Fahrt an dem bestimmten Tag antreten (…)“

Und was ist mit Kleidung und Proviant? Gib´t da noch hilfreiche Tipps?

Der Tourenfahrer hat vielfache hygienische Rücksichten in Lebensweise, Diät und in der Kleidung zu beobachten. Da er oft stundenlang die Strassen dahinfährt, ohne abzusitzen und irgend eine Erfrischung zu sich zu nehmen, erleidet sein Körper ausser der durch das Fahren hervorgerufenen Ermüdung noch überdies Entbehrungen, die ihm wenig zuträglich sind. Er hat daher für kleinere Genussmitel, die erfrischend und anregend wirken , zu sorgen, welche er stets mit sich führt. Ein Schluck Cognac, Whisky oder Nordhäuser belebt ungemein und ebenso gibt es kleine Präperate, wie Kola, diverse Extracte etc., die als Erfrischungs- und Stärkungsmittel immer gut thun. Anderen Proviant kann man nicht gut mitführen und nicht in jedem Bauernhause ist ein guter Trunk oder Bissen zu erhalten. Auch hat der Fahrer sich davor zu hüten, im Zustande des Schwitzens kaltes Quellwasser oder Bier zu trinken, da er sich damit leicht eine Affection des Halses oder gar der Lunge zuziehen kann. Auch gegen äusserliche Verkühlungen muss er sich stets vorsichtig schützen. Sein Wollhemd befördert die Transpiration und darf er bei eintretender Abkühlung, Regen, Wind ect. Es nicht unterlasse, die Jacke anzuziehen, die ihm genügend Schutz gewährt. In einzelnen Fällen wird er sogar den Mantel nicht entbehren können, der am besten aus wasserdichten Loden gefertigt ist.

Die Augen müssen gegen die Sonnenstrahlen und den Staub geschützt sein, weshalb der Tourenfahrer zumeist eine Kappe mit Schirm und bei starkem Staub Schutzbrillen trägt. Bei schönem Wetter fährt es sich, falls die Hitze nicht zu empfindlich wird, am besten und bei allzu starkem Regen und Wind thut man gut, die Fahrt an der nächsten passenden Haltestelle zu unterbrechen, um die Fährlichkeit des schlecht werdenden Weges zu vermeiden.(…)“

aus:  Moritz Band : Handbuch des Radfahr-Sport.Technik und Praxis,Wien/Pest/Leipzig,1895

 

Klingt doch gut. Wir sind gespannt und morgen mit kurzen live-Blog-Berichten von den Fahrern mit dabei….

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3 thoughts on “Nostalgischer Vorabend

  1. Pingback: Fotos, Videos, Erfahrungen Part I… « Wien-Berlin

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