Erfahrungsbericht von Horst

Hier die Tour selon Horst:

Titel: „Die glorreichen Sieben“ auf zwei Rädern. Die Distanzfahrt Wien-Berlin 2012 im Rückspiegel.

29. Juni 2012, sechs Uhr früh. Mit siebenminütiger Verspätung setzen wir uns am Floridsdorfer Spitz in Bewegung Richtung Nordwesten. Ziel: Berlin.Hintergrund: Exakt am gleichen Tag anno 1893 um die gleiche Uhrzeit starteten 117 Radler in die deutsche Hauptstadt. Sie stellten eindrücklich unter Beweis, dass mit dem Fahrrad auch lange Distanzen überwunden werden können. Wir tun es ihnen gleich.

Die ersten Kilometer entlang der Donau Richtung Stockerau und Hollabrunn sind von diversen Trainingsausfahren sehr vertraut. Bis Znojmo schnurrt nicht nur die Kette. Es wird frohen Mutes gescherzt und geschäkert. Die unklare Wettervorschau 300 km nördlich, nahe der tschechisch-deutschen Grenze, dem Ziel des ersten Tages, wird eingehend erörtert. Gleichzeitig wird auf den Körper und insbesondere auf die Beine gehört? Schliesslich liegen doch einige Kilometer vor uns. Doch ein sehr sympatischer Rückenwind auf den ersten Kilometern verleiht uns förmlich Flügel. Wir fliegen über die westlichen Hügel des Weinviertels. Ebenso flugs tauchen wir durch das verfallende Grenzgebäude. Schon sind wir in Tschechien und verabschieden uns am Hauptplatz von Znojmo bei Kaffee und Kuchen von unseren netten Startbegleitern Maya und Hugo.

Radgeschichten werden von Personen geschrieben, die sich ein Ziel in den Kopf setzen. Sei es die Durchquerung Nordamerikas, oder die Umrundung eines Sees in Schweden oder eben gemeinsam von Wien nach Berlin zu radeln. Vorhang auf für die sieben Protagonisten der Wiederauflage dieser sanften Verbindung von zwei Hauptstädten per Rad.

Lunge, Lokomotive, Langstreckler

Welche Attribute mir auch immer einfallen, sie kennzeichnen nur unzulänglich die Triebfeder der Unternehmung Wien-Berlin. Gerold und sein langjähriger radlerischer Erfahrungsschatz waren Motivation und Motor zugleich. „Wir sollten jetzt schön langsam wieder aufbrechen“, lautete seine unaufdringliche Ansage, sich in Kürze wieder in Bewegung zusetzen. Abgesehen davon, führte er das siebenköpfige Gruppetto meist sehr umsichtig und rücksichtsvoll nicht nur an sondern auch durch alle Höhen und Tiefen. Schliesslich bereitet er sich auf eine Randonneurfahrt über 1200 km in Kanada vor, wo er als einer unter 150 Teilnehmern seine enorme Ausdauer erneut unter Beweis stellen wird.

Mastermind

Immer am Puls der Strecke, die er akribisch im Netz arrangierte. Immer um das Gedeihen des Unternehmens samt Herberge und Abendessen bemüht. Auch die Controllstellen in den gleichen Städten wie 1893 beglückte Michl mit seinem Begehr nach Bestätigung der Passage und erntete Verwunderung und Bewunderung zugleich. Gleichzeitig immer offene Augen für die landschaftlichen Veränderungen, wuchtete er sich förmlich über die kürzeren und längeren Steigungen, verbiss sich in die endlosen Geraden und fuhr oft über seinem Geschwindigkeitslimit. „Wir fahren 2 km zuviel“. Die Hitze und der Sommer ist nicht seine Radzeit, betonte er immer wieder, um dennoch nie den Kopf hängen zu lassen. Michl versetzt Berge und reißt auch radfahrerisch immer neue Bäume aus!

Aus Stahl

Das schwerste Rad für den schnellsten Fahrer. Unzählige Rennteilnahmen und eine Ötztaler-Zeit von unter 9 Stunden bedürften schon einer gewissen erschwerten Rahmenbedingung. Bei Brenner erscheint alles ungeheuer leicht, mühelos. Fast spielerisch, wie er die Berge hochklettert. Würde er alleine den Weg antreten, der erste Streckenrekord wäre ihm gewiss. Auch er arbeitete unablässig für die Gruppe und zog uns nach mehr als 500 km mit mehr als 40 km Richtung Berlin.

Premiere

Lukas fuhr noch nie mehr als 165 km am Stück. Und nun an zwei Tagen 65o km. Der jüngste „Wienberliner“ bewältigte die Distanz souverän, wie ein alter Hase. Kleine Äste überstand er routiniert mit respektablen Fleischstücken, die klarerweise von den tschechischen Dopingbehörden vorab kontrolliert wurden. Das Ganze noch dazu auf geliehenem Gerät vom Versandhaus. Tausend Rosen!

Zeit- und Radhistoriker

Ebenfalls auf Stahl aus einer österreichischen Manufakutur namens RIH, die im übrigen noch immer Räder verkauft, und mit Rahmenschaltung! unterwegs: „Höfi“, das junge Urgestein der Wiener Radszene. Der leichteste und flotteste Bergradler von Stockerau und Umgebung. Er behielt vom Start weg den Überblick und dokumentierte die Fahrt eindrucksvoll von vorne und von hinten. Kunst und -kulturbeflissen sorgte er dafür, dass die Landschaft auch menschliche Gestalt annahm und nicht bloss an uns vorüberzog.

Rucksackradeln

Über das Radfahren mit und ohne Rucksack auf der Langstrecke lassen sich treffliche Abende diskursiv gestalten. Gerrard hat entschieden. Er fährt mit eher schwerem Gepäck am Rücken, das ihm vermutlich auch rund um den alten Kontinent gute Dienste erwiesen hätte. Allzeit mit Brenner oder Höfi bereit, die Spitze zu übernehmen, die Lokomotive etwas zu entlasten und sich voll und ganz in den Dienst der Sache zu stellen. Wenn er auch gezwungenermassen ernährungstechnische Abstriche machen und erstmals in dieser amerikanischen Schnellessküche einkehren musste, seiner Leistung tat das in keinster Weise Abbruch. Er spulte die Distanz so souverän herunter, als würde es sich um einen Abstecher in die Lobau handeln.

Der Letzte

Auch meine Wenigkeit begab sich erstmals auf eine Distanz dieser Grössenordnung. Zwar absolvierten wir im April schon an die 430 km innerhalb von 24 Stunden, an die ich mit sehrgemischten Gefühlen zurückdenke. Aber dank der gegenseitigen Unterstützung und Achtsamkeit ging es mir entlang der Strecke erstaunlich gut. Hie und da wäre ich gerne ein wenig gerne schneller gefahren – noch dazu der Einzige auf Karbon – aber wahrscheinlich hätte ich ab Kilometer 500 diese geschwinden Phantasien am Strassenrand gebüsst. Sogar die Müsliriegel habe ich alle aufgegessen und – ich gestehe – mindestens drei Coca Cola oder Pepsi getrunken. Ich war aber nicht der einzige.

Rundum

Zähigkeit, Aufmerksamkeit, Rücksicht, Überwindung, Respekt und noch etliche Tugenden waren für das Gelingen dieser gemeinsamen Ausfahrt erforderlich. Wir veranstalteten ja kein Rennen sondern wollten so schnell wie möglich als Gruppe in Berlin eintreffen. Da findet jeder seinen Rhythmus und wird schnell wieder herausgerissen, wenn plötzlich eine komische Klammer ein Riesenloch in den Reifen bohrt oder unmotivierte Steinpisten Körper und Knochen durchschütteln oder Kellnerinnen und Köche ob der Hitze auf Sparflamme kochen.

Irreführende Kilometerangaben führen zu freudigen Schlussakkorden, die im nächsten Moment schon wieder von verlängernden Passagen jäh gestoppt werden. Vorfreude kommt auf, als wir uns den letzten Stempel in einer Stadt namens Baruth (nie gehört) im örtlichen REWE abholen und uns Moritz aus Berlin in Empfang nimmt. Hochfrequent leitet er uns den Weg durch den dunklen Tann bis in das hellerleuchetete Berlin. Eine schier unendliche Einfahrt bis zum Tempelhofer Flughafen. Um 11:30 Uhr MEZ treffen wir genau an jener Stelle ein, wo vor 119 Jahren das sog. Steuerhaus stand und ein gewisser Josef Fischer den Loorbeerkranz und einen fetten Scheck überreicht bekam.

Geschafft!

im wahrsten Sinne des Wortes. Von Verkehr umtost überwiegt die Sehnsucht nach gutem Essen und nach einem hellblonden elektrolytischem Getränk. Nach einigen dokumentarischen Aufnahmen, tauchen wir verschwitzt in der Hektik der Grosstadt unter, setzen uns genüsslich in den italienischen Gastgarten und erfahren, dass wir nichts mehr bekommen. Versorgen uns in Selbstbedienung am Gehsteigrand. Bestaunen die fröhlichen Passanten. Einige auch uns. Sollen wir uns freuen oder sehnen wir uns nach Dusche und Matratze? Eine sonderbare Mischung. Höfi sucht eine Currywurst, findet und isst sie mit Begeisterung. Gerold verputzt einen Riesenteller verschiedenster Nudel und Reisgerichte. Der Rest trinkt und schaut und isst und schaut. Es ist laut.

Hommage

Die Distanzfahrt von Wien nach Berlin am 29./30. Juni 2012 ist Geschichte. Nochmals unser tiefer Respekt vor den Fahrern von damals. Unvorstellbar, wie sie mit ihren schweren Rädern mit nur einem Gang, ihrer nicht funktionalen Kleidung auf unbefestigten Strassen bei tiefer Nacht nur notdürftig beleuchtet diese Strecke meisterten.

Die Gefahr von Schwerfahrzeugen überfahren zu werden, blieb ihnen wenigstens erspart. Das war aber auch schon der einzige Bonus. In Summe benötigten wir für die 650 km 41, 5 Stunden. Gerne gibt jeder von uns seine Empfehlungen für nachfolgende Versuchspersonen weiter. Von Wien nach Berlin im nächsten Jahr? Oder vielleicht in eine andere Stadt in Reichweite?

Am zweiten Tag, wo die Beine noch schwer sind und sich die Eindrücke wie ein Film vor den Augen ausbreiten ist es ebenso schwer, an die nächsten Destinationen zu denken.

Haften bleiben: Die langen Geraden, die lieblichen Weinberge, die italienisch-tschechischen Plätze, die Dörfer an den Strassen, die herausgeputzten Gärten und Häuschen, der verfallene Charme, die vergilbten Schriften, die leeren Fenster, der brummende Schwerverkehr und und und …… dazwischen die sieben Wien-Berlin „Rad-Samurais“ aus 2012.

Horst Watzl

2. Juli 2012

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